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Die Physik im Umgang mit Hunden

Die Physik im Hundetraining Für ein harmonisches Gesamtbild bei der Arbeit mit Hunden ist ein Element besonders wichtig: Eine gemeinsame Dynamik  innerhalb einer einheitlichen Bewegung von Hund und Hundhalter. Dynamik wird in der Physik wie folgt definiert:  Es ist die Bewegung eines Körpers bedingt durch eine auf ihn wirkende, äußere Kraft. ( Quelle: https://www.spektrum.de/lexikon/physik/dynamik/3571)

Zugegebener Maßen, ist es schwer dieses physikalische Teilgebiet auf die Arbeit mit Hunden zu übertragen. Betrachten wir diese Definition aber näher, so können durchaus parallelen gezogen werden. Sehen wir einen Hundeführer, mit seinem Hund und blenden die Außenwelt um sie herum aus, so bilden sie ein geschlossenes System. 

 
Das Gesamtsystem: Hund mit Hundeführer bilden eine Einheit.

Dieses System (Hund- Hundeführer) ist noch kleinschrittiger zu betrachten, in seine Einzelteile zu zerlegen.Immer im Hinterkopf halten wir uns den zuvor genannten physikalischen Grundsatz von der Bewegung eines Körpers durch eine auf ihn wirkende Kraft. Sehen wir uns  als erstes den Hundeführer an. 


Ein aufgerichteter, zielstrebiger Gang, der Blick nach vorne auf den Boden gerichtet. Die Leine befindet sich locker in der linken Hand. Als nächsten Mitwirkenden im Gesamtsystem Hund-Hundeführer betrachten wir den Hund: 



Der Blick ist nicht nach vorn gerichtet, seine Blickachse verläuft hinauf zum Hundeführer. Die restliche Körperhaltung ist ausgeglichen, entspannt. Die Leine ist locker.

Wir haben nun das System „Hund-Hundeführer“ in seine Partizipanten zerlegt, deren Körpersprache und Orientierung betrachtet, jedoch nicht deren Wirkung aufeinander beurteilt. 
- Der Mensch steht in diesem System in keiner Abhängigkeit. Er geht gezielt voran und blickt nach vorne und wird nicht von anderen Körpern beeinflusst.
- Der Hund, mit Blickrichtung zum Hundeführer, betrachtet nicht den vor ihm liegenden Weg,sondern orientiert sich an den vom Hundeführer ausgesendeten Signalen durch seine Körpersprache.

Wie wir uns gemerkt haben: Dynamik: Es ist die Bewegung eines Körpers bedingt durch eine auf ihn wirkende, äußere Kraft.Interpretieren und übertragen die von uns gemachte Beobachtungen auf diese Definition:
-Der Körper, der durch eine externe, äußere Kraft die auf ihn wirkt bewegt wird, ist der Hund.
-Die Kraft die auf ihn wirkt, ist der Hundeführer bzw. dessen ausgesendete Signale oder Körperhaltung.

Übersetzen wir uns dies und stellen den ursprünglichen Satz um: Dynamik im System Hund- Hundeführer: Die Bewegung des Hundes durch den Hundeführer mit dessen ausgesendeten Kräften, Signalen und der Körpersprache.

Rot= Blick des Hundes ; Orange= Körperhaltung/Signale des Hundeführers an den Hund; Lila = Blickrichtung des Hundeführers ; Grün= Bewegungsrichtung des Gespanns.


Die allgemein bezeichnete Bewegung des Hunde ist nicht nur das Fuß laufen sondern auch jede Art von Kommando das wir ihm geben!Um unsere Interpretation und Gedankengänge noch weiter zuzuspitzen, ziehen wir uns  noch ein physikalisches Teilgebiet der Mechanik heran: Die Statik. Die Statik beschäftigt sich mit ruhenden, unbewegten Körpern. Bei diesen Körpern sind alle Kräfte im Gleichgewicht. Ein Körper der sich gleichförmig bewegt befindet sich auch im ruhenden Zustand, da auf ihn eine gleichmäßige Kraft wirkt, er aber keine Beschleunigung erfährt. Er bewegt sich also gleichmäßig fort oder ruht.Die Statik wird auch als Lehre des Gleichgewichts bezeichnet.

Häufig liest man in Prüfungsordnungen verschiedener Hundesportarten Sinngemäß: Hund und Hundeführer sollten ein harmonisches Bild darstellen. Bezogen auf den vorigen Absatz von der Statik, bedeutet dies, dass Hund und Hundeführer  in einer gemeinsamen, gleichmäßigen Dynamik arbeiten.Ein Hund-Hundeführergespann, bei welchem der Hund beispielsweise an der Leine zieht und nur auf dem Boden schnüffelt, würden wir nicht als harmonisch bezeichnen, da der Hund eine eigene Dynamik entwickelt. Die Kräfte sind dabei nicht mehr im Gleichgewicht.

Hier würde die Kraft auf Seiten des Hundes liegen und der Hundeführer wird wortwörtlich hinterher gezogen.Das Gegenteil, wenn die Kraft zu sehr auf Seite des Hundeführers liegen würde wäre, wenn der Hund nur noch eingeschüchtert, mit unsicherer oder gar ängstlich panischer Art dem Hundeführer folgt (= wenig Dynamik). Dieses Bild sieht man häufig auf Hundeplätzen, bei denen die Hunde mit übermäßiger Härte „erzogen“ werden. Der Hund wird von der Kraft des Hundeführers buchstäblich erdrückt. In der modernen Hundeerziehung, egal ob im Hundesport oder im Alltag, sollte es ein Ziel sein, ein harmonisches Team mit seinem Hund darzustellen. Dabei geht es nicht nur um reinen gehorsam, also das ausführen verschiedener Kommandos, sondern auch um das gegenseitige Vertrauen zwischen Hund und Hundeführer. 

Die von mir dargestellte, analysierte Szene ist aus der Begleithundeprüfung mit meiner Beaglehündin Tessa. Beim Training mit Hunden zeigt sich sehr deutlich und schnell, wie die Beziehung zwischen Hund und Hundehalter ist. Gemeinsame Erlebnisse, gemeinsames Training, gemeinsam neues Entdecken sollte nicht nur dafür da sein den Hund zu „erziehen“ oder auszulasten. Es baut gegenseitiges Vertrauen und noch viel wichtiger, eine natürliche, nicht trainierbare Bindung auf. Beim Training auf dem Hundeplatz werden Schemata abgelaufen, einzelne Kommandos immer und immer wieder abgespult. Unsere Hunde sind hochintelligente Lebewesen, für die das Lernen keinesfalls schwer ist und vom Menschen ausgedachte Prüfungsformen vor große Herausforderungen stellt. Ein Team, das aufeinander eingespielt ist, bewältigt im Alltag viel größere Herausforderungen als irgendein Laufschema auf dem „sterilen“ Hundeplatz.


Einige der Leser werden sich jetzt fragen, weshalb die Einleitung dieses Textes von physikalischen Größen und Gesetzen und eben genau solch einer Szene auf dem Hundeplatz handelt. Im Alltag zeigt sich oft, wie eingespielt und vertraut ein Mensch-Hundeteam miteinander ist. Treten Probleme mit den Hunden auf, egal ob sie Fehlverhalten aufzeigen oder wie so oft einfach „nicht hören“  ist folgendes festzustellen: Das gegenseitige Vertrauen und Verstehen fehlt. Natürlich gibt es auch Hunde, die durch traumatische Erlebnisse besonders ängstlich sind bzw. Ihnen das Vertrauen zum Menschen fehlt. Regelmäßiges, aber vor allem konsequentes Training ist dafür unbedingt von Nöten. Konsequenz bedeutet, dass der Hund versteht, was wir als Hundehalter von ihm fordern. Nichts ist für einen Hund verwirrender als unklare Forderungen. Unsere Hunde sind in der Regel bestrebt mit uns zusammen zu arbeiten sofern wir eindeutige Grenzen und Regeln aufstellen. Fehlt ihnen eine klare und aus Hundesicht stabile Bezugsperson an der sie sich orientieren, so machen sich Hunde oft  „selbstständig“ in Form von Abhauen oder kompletten ignorieren ihrer Menschen beim Spaziergang. Dies wird von uns Menschen als „ungehorsam“ interpretiert. Der Fehler liegt jedoch, wie die meisten bereits wissen sollten: Beim  Menschen, der dem Hund keinen roten Faden bietet, an dem er sich orientieren kann.

Trotzdem geht das Verständnis für Hunde und deren Weltwahrnehmung immer mehr verloren. Ein entspanntes und aufeinander eingespieltes Mensch-Hundeteam braucht beim gemeinsamen Spazieren gehen nur wenige Worte. Es wird sich vertraut und der Hund folgt seinem Menschen ohne irgendwelche Befehle. Hunde orientieren sich dann von selbst an uns. Es wirkt die von mir zu Beginn beschriebene Statik zwischen Hund und Hundeführer, ein Gleichgewicht der Kräfte. Durch diese Statik, dem gegenseitigen Vertrauen ist es ein leichtes dem Hund auch einzelne Kommandos anzutrainieren. Ohne dieses Fundament wird der Hund jedoch nicht zuverlässig und freudig arbeiten.Unsere Körpersprache bedeutet für unsere Hunde sehr viel für die tägliche Kommunikation. Viel zu oft sehe ich, wie Menschen ihr eigenes Verhalten und die Wirkung auf unsere Hunde fehlinterpretieren oder überhaupt nicht beachten. Vielen Hunden scheint dies nichts aus zu machen, arbeitet man jedoch mit Hunden, die darauf sensibel reagieren, so muss zunächst das Verhalten des Menschen und die Wirkung auf den Hund erklärt werden. Dieses Problem macht sich auch beim Training auf dem Hundeplatz deutlich: Das gegenseitige Verständnis fehlt. Deutliches Meideverhalten des Hundes wird ignoriert, wodurch er das gegebene Kommando nicht ausführt. Ebenso ein klassisches „Problem“ das häufig auftritt: Der Hund hängt beim Fußlaufen viel zu weit hinter dem Hundeführer. Dies ist oft dadurch bedingt, dass die Person sich auch noch nach hinten zum Hund dreht. Durch diese Körpersprache „drückt“ der Mensch den Hund regelrecht noch weiter hinter sich. Dies ist nur ein kleines Beispiel beim täglichen Training mit unseren Hunden.

Es geht in diesem Text nicht um das perfekte Ausführen einzelner Kommandos, jedoch zeigt sich bei kleinen Problemen oft, dass etwas in der Kommunikation zwischen Hund und Halter nicht stimmt. Darauf sind aber ebenso häufig kleine Schönheitsfehler beim gezielten Training von Kommandos zurückzuführen.
Nicht nur ständiges Erleben ist für einen Hund wichtig. Auch das gemeinsame erholen und ausruhen will gelernt sein, denn auch entspannen muss ein Hund können.

Wir sollten uns mehr darauf besinnen mit unserem Hund eine Einheit darzustellen, die auf eine gemeinsame Dynamik und innere Ausgeglichenheit  auf Basis von gegenseitigem Vertrauen aufbaut. Wir sollten uns häufiger hinterfragen wie unser Verhalten auf einen Hund wirkt.

Ich würde mir wünschen, dass Ich mit diesem Text den ein oder anderen dazu anregen kann, feinfühliger und eindeutiger mit dem eigenen Hund zu kommunizieren. Es erleichtert nicht nur den Alltag mit dem eigenen Hund, sondern hilft häufig auch das eigene Training stetig zu verbessern.